Blog · 4.6.2026 · 6 Min.

Vitamin D: Der Mangel, den in Deutschland kaum jemand ernst nimmt

Im Februar kam eine Klientin zu mir, Mitte 40, Bürojob, seit Wochen müde und im Training wie ausgebremst. Wir haben zuerst Schlaf und Ernährung geprüft, beides okay. Dann habe ich ihr geraten, beim Hausarzt den Vitamin D Wert messen zu lassen. Ergebnis: deutlich zu niedrig. Kein Einzelfall, sondern in Deutschland fast schon der Normalfall im Winter.

Nach Daten des Robert Koch-Instituts sind rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mangelhaft versorgt, weitere gut 30 Prozent suboptimal. Das liegt nicht an schlechter Ernährung, sondern an unserem Breitengrad: Von Oktober bis März steht die Sonne hier zu tief, damit deine Haut nennenswert Vitamin D bilden kann. Und wer von 8 bis 18 Uhr im Büro sitzt, bekommt auch im Sommer wenig ab.

Warum Vitamin D für deine Muskeln relevant ist

Vitamin D ist streng genommen eher ein Hormon als ein Vitamin. Deine Muskelzellen haben eigene Rezeptoren dafür. Bei einem echten Mangel leiden Muskelkraft und Muskelfunktion messbar, das ist gut belegt. Menschen mit sehr niedrigen Werten berichten häufiger über Muskelschwäche, Leistungstiefs und eine zähe Regeneration.

Wichtig ist mir die ehrliche Gegenseite: Wenn dein Wert normal ist, macht dich zusätzliches Vitamin D nicht stärker. Die Studien, die Kraftverbesserungen zeigen, betreffen fast immer Menschen, die vorher unterversorgt waren. Vitamin D behebt ein Defizit, es baut kein Extra oben drauf. Wer dir eine Kraftsteigerung durch hochdosiertes Vitamin D bei normalen Werten verspricht, will dir etwas verkaufen.

Immunsystem: solide Datenlage, keine Wunder

Beim Immunsystem sieht es ähnlich aus. Eine gute Versorgung ist mit einem normal funktionierenden Immunsystem verbunden, und große Auswertungen deuten darauf hin, dass eine regelmäßige, moderate Einnahme bei unterversorgten Menschen das Risiko für Atemwegsinfekte etwas senken kann. Etwas. Nicht dramatisch. Wer im Winter ständig krank ist und gleichzeitig nie Tageslicht sieht, hat hier aber einen sehr naheliegenden Ansatzpunkt.

So findest du heraus, wo du stehst

  • Beim Hausarzt den 25-OH-Vitamin-D Wert messen lassen, Kosten meist 20 bis 30 Euro als Selbstzahler
  • Werte unter 20 Nanogramm pro Milliliter gelten als Mangel, 30 bis 50 als guter Bereich
  • Idealer Messzeitpunkt: Spätwinter, also Februar oder März, da ist dein Speicher am leersten
  • Nicht blind hochdosiert supplementieren, erst messen, dann handeln

Der Punkt mit dem Messen ist mir ernst. Ich sehe zwei Extreme: Leute, die jahrelang mit Mangel durch den Winter stolpern, und Leute, die auf eigene Faust 10000 Einheiten täglich schlucken, weil es irgendein Influencer empfohlen hat. Beides ist keine gute Idee. Vitamin D ist fettlöslich und reichert sich an, Überdosierung über lange Zeit kann den Kalziumhaushalt stören.

Sonne, Essen, Supplement: die realistische Rangfolge

Von April bis September reichen theoretisch 15 bis 25 Minuten Sonne auf Gesicht und Arme, mehrmals pro Woche, zur Mittagszeit. Theoretisch. Praktisch sitzen meine Klienten in Köln um diese Zeit im Meeting. Über die Ernährung ist der Bedarf kaum zu decken, fetter Seefisch und Eier liefern nur kleine Mengen. Deshalb ist ein Supplement im Winterhalbjahr für viele Menschen hierzulande schlicht die pragmatische Lösung.

Übliche Dosierungen nach ärztlicher Abklärung liegen bei 1000 bis 2000 Einheiten täglich zur Erhaltung. Nimm es zu einer Mahlzeit mit etwas Fett, dann wird es besser aufgenommen. Meine Klientin aus dem Februar hat nach Absprache mit ihrem Arzt supplementiert. Zwei Monate später waren Wert und Energie wieder da, und ihr Training lief endlich wieder rund. War das Vitamin D allein? Sicher nicht nur. Aber der Mangel war eine echte Bremse, und die ist jetzt gelöst.

Was Vitamin D nicht für dich tun wird

Es wird dich nicht schlank machen, keine Depression heilen und kein hartes Training ersetzen. Ich schreibe das so deutlich, weil um Vitamin D ein regelrechter Kult entstanden ist. Die Wahrheit ist unspektakulär: Es ist ein wichtiger Baustein, dessen Fehlen dich bremst und dessen Normalisierung dich wieder auf dein Niveau bringt. Genau das ist bei der Verbreitung des Mangels in Deutschland schon wertvoll genug.

Mein Rat für Trainierende ab 40

Lass deinen Wert einmal messen, besonders wenn du dich im Winter chronisch platt fühlst. Kläre die Dosierung mit deinem Arzt, statt im Internet zu würfeln. Und erwarte keine Superkräfte, sondern die Rückkehr deiner normalen Leistungsfähigkeit. Das klingt weniger sexy als die Werbung, ist aber das, was die Wissenschaft hergibt.

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